M15
Marktbearbeitungsstrategie
Zielsegmente definieren, Marktpotenziale analysieren und eine eigene Vertriebsstrategie entwickeln
Position in der Kompetenzmatrix
K-04 Vertrieb & Ertragsoptimierung · Stratege
Dieses Modul zahlt auf das Kompetenzfeld K-04 Vertrieb & Ertragsoptimierung ein und adressiert die Entwicklungsstufe Stratege.
Video in Produktion
Dieses Modul wird derzeit als Lernvideo aufbereitet und bald verfügbar sein.
Stand: v0.1 · Benedikt Zoller Coaching
Modulinhalte
Vom reaktiven zum strategischen Vertrieb
Die zeb-Firmenkundenstudie (2020) zeigt: VR-Banken gewinnen die meisten Neukunden im Firmenkundensegment noch immer durch Zufallskontakte, Empfehlungen ohne System und eingehende Anfragen. Nur 18 % der Berater haben eine explizite schriftliche Strategie für ihr Zielsegment.
Das bedeutet: 82 % des Vertriebserfolgs entsteht reaktiv. Dieses Modul verschiebt das Verhältnis.
Eine Marktbearbeitungsstrategie beantwortet vier Fragen:
- Wen? – Welches Kundensegment bearbeite ich mit Priorität?
- Womit? – Was ist mein Wertversprechen für dieses Segment?
- Wie? – Über welche Kanäle und Maßnahmen erreiche ich diese Kunden?
- Wann? – Welche Meilensteine und Zielgrößen setze ich uns?
Porter (1985) unterscheidet drei grundlegende Wettbewerbsstrategien: Kostenführerschaft, Differenzierung und Fokussierung. Im Firmenkundengeschäft einer VR-Bank ist Fokussierung – die Konzentration auf ausgewählte Kundensegmente mit überlegener Beratungstiefe – die realistischste und nachhaltigste Strategie. Universalbanken können keine Kostenführerschaft gegenüber Direktbanken erreichen; echte Differenzierung gelingt nur in definierten Segmenten.
„Die einzige tragfähige Strategie ist die, die auf echten Stärken aufbaut – nicht auf dem Wunsch, für alle alles zu sein." (Porter, 1985, S. 12, sinngemäß)
4.2 Marktsegmentierung im Firmenkundengeschäft
Segmentierungskriterien
Nicht jeder Firmenkunde ist gleich attraktiv. Eine sinnvolle Segmentierung kombiniert mehrere Kriterien:
| Kriterium | Ausprägung (Beispiele) |
|---|---|
| Umsatzgröße | Micro (< 500k), Klein (500k–2M), Mittel (2–10M), Groß (> 10M) |
| Branche | Verarbeitendes Gewerbe, Bau/Handwerk, Landwirtschaft, Handel, Dienstleistung, Heilberufe |
| Region | Kerngeschäftsgebiet, Randzone, Nachbarregion Wettbewerb |
| Lebenszyklus | Gründer, Wachstum, Konsolidierung, Nachfolge |
| Bankbeziehung | Hauptbankverbindung (uns), Nebenbankverbindung, Neukunde |
| Strategisches Profil | Kapitalbedarf hoch, Investitionsbereitschaft hoch, Verbundpotenzial hoch |
Empfehlung: Wählen Sie maximal zwei Primärsegmente. Breite schlägt Tiefe nur in sehr seltenen Fällen.
Das Scoring-Modell zur Segmentpriorisierung
Ein einfaches Scoring-Modell hilft bei der Auswahl des Primärsegments:
| Kriterium | Gewichtung | Segment A | Segment B | Segment C |
|---|---|---|---|---|
| Marktgröße (Anzahl Unternehmen in Region) | 25 % | |||
| Durchschnittlicher Ertragspotenzial (DB) | 30 % | |||
| Eigene Expertise/Stärke in diesem Segment | 25 % | |||
| Wettbewerbsintensität (gering = gut) | 20 % | |||
| Gesamtscore | 100 % |
Bewertung je Kriterium: 1 (schwach) bis 5 (sehr stark).
4.3 Marktpotenzialanalyse
Wie groß ist mein adressierbarer Markt?
Vor dem strategischen Einstieg in ein Segment steht die Potenzialschätzung. Die Frage: Wie viele Unternehmen im Zielsegment gibt es in meiner Region, und wie viele davon betreuen wir noch nicht?
Datenquellen für die Potenzialschätzung:
| Quelle | Information |
|---|---|
| Destatis / Statistisches Landesamt | Unternehmensanzahl nach Branche, Größe, Region |
| IHK / HWK Konjunkturbericht | Branchendaten, Investitionsklima, Mitgliederzahlen |
| agree CRM-Auswertung | Bestehende Firmenkunden nach Segment – wer fehlt noch? |
| Unternehmensregister | Neugründungen, Inhaberwechsel, Insolvenzaustritte |
| Verbandsmitgliederlisten | Zielunternehmen in Branchenverbänden |
Vereinfachte Potenzialrechnung:
- Zielunternehmen in Region: X
- Davon bereits Kunden: Y
- Adressierbares Neukundenpotenzial: X − Y
- Realistisch erreichbar in 12 Monaten (Marktdurchdringungsrate 5–10 %): Z
Praxistipp: Unterschätzen Sie die bestehenden Daten in agree nicht. Eine saubere Branchencodierung und ein aktuelles CRM sind die Basis jeder Potenzialanalyse.
4.4 Strategische Positionierung: Stärken-Schwächen vs. Wettbewerb
SWOT im Firmenkundensegment
Schreyögg & Koch (2020) betonen, dass strategische Positionierung nur gelingt, wenn man die eigenen Stärken realistisch einschätzt und den Wettbewerb kennt. Eine segmentbezogene SWOT-Analyse liefert die Grundlage:
| Intern | Extern | |
|---|---|---|
| Positiv | Stärken: Regionalpräsenz, Verbundpartner-Breite, Kundennähe, Entscheidungsschnelligkeit | Chancen: Digitalisierungsbedarf Mittelstand, Nachfolgewelle, Transformationsfinanzierungen |
| Negativ | Schwächen: Teils geringere Produkttiefe als Großbanken, begrenzte Spezialisten-Ressourcen | Risiken: Direktbanken, Fintechs, überregionale Spezialfinanzierer |
Wertversprechen formulieren
Das Wertversprechen (Value Proposition) beantwortet: Warum sollte ein Unternehmen aus meinem Zielsegment zu uns wechseln – oder bleiben?
Ein wirksames Wertversprechen im Firmenkundengeschäft ist:
- Spezifisch (nicht „wir sind die beste Bank"): „Für Handwerksbetriebe in der Region sind wir der Partner, der Finanzierungsentscheidungen in 48 Stunden trifft."
- Belegbar: Konkrete Referenzen, Bearbeitungszeiten, Verbundpartner-Einbindung
- Differenzierend: Was kann ich, was die Sparkasse oder Commerzbank nicht kann?
4.5 Neukundenansprache: Kanäle und Maßnahmen
Welche Kanäle funktionieren wirklich?
Roland Berger (2024) zeigt: Im Mittelstandssegment sind persönliche Empfehlungen (Steuerberater, Unternehmerkreis) mit Abstand der effektivste Kanal für Neukundengewinnung. Digitale Kanäle gewinnen an Bedeutung, konvertieren aber seltener zu Hauptbankbeziehungen.
| Kanal | Typische Konversionsrate | Stärke | Aufwand |
|---|---|---|---|
| Persönliche Empfehlung (Bestandskunde, StB) | 20–30 % | Vertrauen bereits vorhanden | Mittel |
| IHK / Kammer / Verband | 10–20 % | Breite Zielgruppe, Glaubwürdigkeit | Hoch |
| Messe / Fachveranstaltung | 5–15 % | Direkt und persönlich | Hoch |
| Kaltakquise (Telefon/Brief) | 1–5 % | Skalierbar | Niedrig |
| Digitale Kampagne (Social, Website) | 1–3 % | Reichweite | Mittel |
| Partnervertrieb (Verbundpartner-Empfehlung) | 15–25 % | Qualifizierter Lead | Niedrig |
Empfehlung: Konzentrieren Sie 80 % Ihrer Akquisezeit auf die zwei Kanäle mit der höchsten Konversionsrate in Ihrem Segment. Für die meisten VR-Banken sind das: Empfehlung durch Bestandskunden und Verbundpartner-Leads.
Empfehlungsmanagement systematisieren
Empfehlungen entstehen nicht zufällig. Ein aktives Empfehlungsmanagement umfasst:
- Identifizieren: Welche meiner Bestandskunden sind Meinungsführer in ihrem Branchenumfeld?
- Beziehung vertiefen: Diese Kunden erhalten besondere Aufmerksamkeit – nicht wegen der Empfehlung, sondern wegen ihres Werts.
- Aktiv bitten: Am Ende eines erfolgreichen Gesprächs: „Gibt es Unternehmen in Ihrem Umfeld, die unsere Zusammenarbeit kennenlernen sollten?"
- Danken und schließen: Rückmeldung geben, ob der Kontakt erfolgreich war.
4.6 Praxiscase: Thomas Gruber entwickelt seine Strategie für den Agrar-Markt
Ausgangssituation
Thomas Gruber ist seit vier Jahren Firmenkundenberater bei einer VR-Bank in Niederbayern. Er betreut 45 Firmenkunden, davon 8 aus der Landwirtschaft. Das Geschäftsgebiet liegt in einer strukturell starken Agrargegend: ca. 380 landwirtschaftliche Betriebe über 100.000 EUR Jahresumsatz laut Destatis – davon sind nur 8 seine Kunden.
Der Wettbewerb: Sparkasse (ca. 12 Agrar-Kunden), DZ Bank/VR-Agrar (kooperiert mit der eigenen Bank), Rabobank (noch nicht präsent in der Region).
Thomas entwickelt seine Marktbearbeitungsstrategie
Schritt 1: Segmentpriorisierung
Thomas scoret drei potenzielle Segmente: Agrar, Gesundheitswesen, Baugewerbe. Das Agrar-Segment erzielt den höchsten Score (3,9/5): hohe regionale Marktgröße, gute eigene Expertise durch bestehende 8 Kunden, moderate Wettbewerbsintensität.
Schritt 2: Marktpotenzial
380 Zielbetriebe – 8 eigene Kunden = 372 adressierbare Neukunden. Realistisch in 12 Monaten: 5 % → 18 neue Erstkontakte, Ziel 6 neue Hauptbankverbindungen.
Schritt 3: Wertversprechen
„Für landwirtschaftliche Betriebe in [Region] sind wir der Agrar-Spezialist der VR-Bank: schnelle Investitionsfinanzierungen, GAP-Expertise und ein Netzwerk in die wichtigsten Branchenverbände."
Schritt 4: Maßnahmenplan
| Maßnahme | Kanal | Ziel | Zeitrahmen |
|---|---|---|---|
| Besuch Wintertagung Bauernverband | Verband | 5 Erstkontakte | Januar |
| Empfehlungsgespräch mit 3 Top-Agrar-Kunden | Empfehlung | 3 qualifizierte Leads | Feb–März |
| Co-Akquise mit R+V Gewerbe (Hofnachfolgeversicherung) | Verbundpartner | 4 gemeinsame Termine | Quartal 1–2 |
| Jahresgespräch Bestand: Agrar-Fokus vertiefen | Bestand | 8 Gespräche mit Tiefprofil | laufend |
| IHK Agrar-Forum: als Redner einbringen | Kammer | 1 Auftritt, Sichtbarkeit | Mai |
Ergebnis nach 12 Monaten
Thomas gewinnt 5 neue Hauptbankverbindungen (vs. Ziel 6), baut seinen Agrar-Bestand auf 13 Kunden aus und erhöht seinen Wallet-Share im Segment von geschätzt 3 % auf 5 %. Er wird intern als Agrar-Ansprechpartner positioniert und beginnt, Kollegen zu begleiten.
Reflexionsfragen
- Was wäre passiert, wenn Thomas drei Segmente gleichzeitig bearbeitet hätte statt eines?
- Warum ist der Verbundpartner-Kanal (R+V) in seinem Plan besonders effizient?
- Welches Ihrer eigenen Segmente hätte den höchsten Score, wenn Sie die Scoring-Matrix ausfüllen würden?
4.7 Arbeitsblätter
Arbeitsblatt A: Segmentpriorisierung – Scoring
Meine drei Kandidatensegmente:
| Kriterium | Gewichtung | Segment 1: _____ | Segment 2: _____ | Segment 3: _____ |
|---|---|---|---|---|
| Marktgröße in Region | 25 % | |||
| Ertragspotenzial (DB) | 30 % | |||
| Eigene Stärke/Expertise | 25 % | |||
| Wettbewerbsintensität (inv.) | 20 % | |||
| Gesamtscore |
Mein Primärsegment: ___________________________
Arbeitsblatt B: Marktbearbeitungs-Jahresplan
Zielsegment: ___________________________
Marktpotenzial: ___ Zielbetriebe – ___ bestehende Kunden = ___ Neukunden-Potenzial
Mein Wertversprechen (in einem Satz):
| Quartal | Maßnahme | Kanal | Ziel | Messgröße |
|---|---|---|---|---|
| Q1 | ||||
| Q2 | ||||
| Q3 | ||||
| Q4 |
Jahreszielsetzung: ___ Neukunden / ___ EUR Neuvolumen / ___ % Wallet-Share-Steigerung Bestand
5. PRAXISTRANSFER
Praxistransfer
Aufgabe (bis zur nächsten Führungskräfte-Runde, ca. 4 Wochen):
Entwickeln Sie Ihre persönliche Marktbearbeitungsstrategie für die nächsten 12 Monate. Nutzen Sie dafür die Arbeitsblätter A und B. Das Ergebnis ist kein internes Planungsdokument – es ist Ihr eigener strategischer Kompass.
Schritte:
- Scoring für drei Segmentkandidaten (Arbeitsblatt A) – Daten aus agree, Destatis, IHK-Bericht
- Marktpotenzialschätzung für Ihr Primärsegment
- Wertversprechen formulieren: Was können Sie für dieses Segment besser als jeder Wettbewerber?
- Jahresplan mit 4–6 konkreten Maßnahmen (Arbeitsblatt B)
Teilen Sie Ihren Plan mit Ihrer Führungskraft und bitten Sie um Feedback zu einem Punkt: Ist die Zielambition realistisch?
5.2 Selbstcheck nach 4 Wochen
| Aussage | Trifft voll zu (4) | Trifft überwiegend zu (3) | Trifft eher nicht zu (2) | Trifft nicht zu (1) |
|---|---|---|---|---|
| Ich habe ein klar definiertes Primärsegment, das ich systematisch bearbeite. | ☐ | ☐ | ☐ | ☐ |
| Ich kenne das Marktpotenzial meines Segments (Anzahl Zielbetriebe, Neukunden-Potenzial). | ☐ | ☐ | ☐ | ☐ |
| Ich habe ein klares Wertversprechen für mein Primärsegment formuliert. | ☐ | ☐ | ☐ | ☐ |
| Ich habe einen Jahresplan mit mind. 4 konkreten Maßnahmen erstellt. | ☐ | ☐ | ☐ | ☐ |
| Ich priorisiere die zwei effektivsten Ansprachekanäle statt viele gleichzeitig. | ☐ | ☐ | ☐ | ☐ |
| Ich habe meinen Plan mit der Führungskraft besprochen und Feedback eingeholt. | ☐ | ☐ | ☐ | ☐ |
Auswertung:
- 20–24 Punkte: Strategischer Rahmen steht – jetzt konsequent umsetzen
- 14–19 Punkte: Guter Einstieg – Jahresplan konkretisieren und Meilensteine fixieren
- unter 14 Punkte: Vertiefung empfohlen: Einzelgespräch mit Führungskraft zur Strategie-Abstimmung
5.3 Vertiefungsliteratur
Strategie
- Porter, M.E. (1985): Competitive Advantage – Kapitel 1–3: Grundlagen der Wettbewerbsstrategie und Differenzierung
- Schreyögg, G. & Koch, J. (2020): Management – Grundlagen der Unternehmensführung – Strategiekapitel, SWOT-Methodik
Bankfachlich
- zeb consulting (2020): Firmenkundenstudie 8.0 – Segmentierungsdaten, Marktdurchdringung VR-Banken
- Roland Berger (2024): KMU-Banking: Firmenkundenberater 2.0 – Neukundenakquise-Effektivität, Kanalvergleich
Praxismaterialien
- agree CRM-Handbuch: Segmentierung und Potenzialauswertungen im Firmenkundensegment (Atruvia Intranet)
- BVR Vertriebsleitfaden: Marktbearbeitungsstrategien für Volksbanken und Raiffeisenbanken (Verbund-Intranet)
7. QUELLENVERZEICHNIS
Didaktik & Kompetenzentwicklung
Anderson, L.W. & Krathwohl, D.R. (Hrsg.). (2001). A Taxonomy for Learning, Teaching, and Assessing: A Revision of Bloom's Taxonomy of Educational Objectives. Addison Wesley Longman. [Q-001]
Dreyfus, H.L. & Dreyfus, S.E. (1986). Mind over Machine: The Power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer. Free Press. [Q-004]
Strategie & Management
Porter, M.E. (1985). The Competitive Advantage: Creating and Sustaining Superior Performance. Free Press. [Q-066]
Schreyögg, G. & Koch, J. (2020). Management – Grundlagen der Unternehmensführung. Springer Gabler. [Q-065]
Bankfachliche Quellen
Roland Berger. (2024). KMU-Banking: Firmenkundenberater 2.0. Roland Berger. [Q-021]
zeb consulting. (2020). Firmenkundenstudie 8.0. zeb. [Q-020]